Seit den 70er Jahren haben in Berlin zahlreiche Gruppen und Initiativen zu den Problemen bezahlbaren Wohnraums gearbeitet. In Einzelfällen waren diese Aktionen erfolgreich, eine Verdrängung einkommenschwacher Menschen aus Kreuzberg und Neukölln konnte jedoch nicht aufgehalten werden. Die meisten Ansätze waren zu isoliert um dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu erhalten.
Hier sind verschiedene Texte zu diesem Thema:

Der Spiegel in seiner Ausgabe 10/1981:

Mut zum Träumen, Kraft zum Kämpfen
SPIEGEL-Reporter Hans Halter bei einer Hausbesetzung in Berlin-Kreuzberg

Mal abgesehen von der einen Phosphorbombe, die im November 1944 vom Himmel direkt in den Hinterhof fiel, blieb der Hausfrieden in Berlin-Kreuzberg, Kottbusser Straße 8, seit 77 Jahren gewahrt. Kein Mieter hatte was zu klagen, denn die Wohnungen waren groß und hell, der monatliche Zins erträglich. Im Treppenhaus lag ein roter Läufer, den blanke Messingstangen hielten.

Parterre betrieb vormals Herr Carl Sandmann, Armaturenfabrik, sein Bureau. Einen Stock höher gab es sogar ein richtiges Konsulat, das von Ecuador, eine Sandmann-Filiale. Doch vor drei Jahren hat der Herr Konsul die Beletage verlassen, das Haus seiner Väter der „Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft“ (GSW) verkauft. Die gehört dem Land Berlin und dem Bonner Bund, ihr Geschäft ist die Stadterneuerung. Deshalb hat sie das Objekt erst mal zügig entmietet, und nun „lebt keiner der alten Bewohner mehr hier“, lautet die Auskunft im Eiscafe Pöggel gegenüber, „denn die sind ja alle saniert worden“ — legal.

Illegal hat das Haus am Mittwoch der vorletzten Woche, Punkt 15 Uhr, Besuch bekommen. Es fiel „Instandbesetzern“ in die Hände, acht Frauen und fünf Kindern, die meisten von ihnen Türken. Das ging nicht ohne Blut und Tränen ab. Eine deutsche Handwerkerkolonne, für die GSW im Haus schon beim Sanieren, wollte die Lage handgreiflich bereinigen. Es setzte Schläge für Frauen und Kinder: „Scheißegal, man sollte das ganze Pack in die Luft sprengen!“

Legal, illegal, scheißegal, die Kreuzberger Alliteration der Gewalt hat viele Gesichter. „Los, schnell, hol mal den Brenner, mach‘n wa dem Gesockse Feuer unterm Arsch, eh die Bullen kommen“, rät einer, dessen dicke Brillengläser ihn lebenslang vom öffentlichen Dienst ausschließen. Mit dem Rücken an der Wand hören die Frauen, daß „Hitler vergessen hat, euch zu vergasen“. Eine Türkin bekommt einen Schreikrampf, als die Handwerker drohen, sie vom Balkon zu schmeißen. Es ist ein schrecklicher Schrei, und er nimmt kein Ende. „Hör auf, wir tun dir nix, aber hör bloß auf!“

Von den Kindern weint nur die Älteste ein bißchen, ein Kreuzberger Mädchen namens Berrin, 3. So gut es geht, halten die Frauen ihre dick vermummten Kleinen fest umschlungen, suchen ihnen durch sanftes Wiegen Schutz zu geben und nehmen sie doch zugleich als Schild. Fünfzehn Minuten lang bleibt der Kampf um das Haus Kottbusser Straße 8 unentschieden, vermischen sich Wut mit Angst, Drohungen und Tränen.

Die Polizei läßt sich Zeit. Sie hat, wie sich später herausstellt, die 79. Berliner Hausbesetzung im Funkverkehr irrtümlich nur als Sachbeschädigung einer Wohnungstür gehandelt, und für so was knipst in Kreuzberg schon lange kein Beamter mehr das Blaulicht an.

Die Frauen und Kinder, immer ein dicht gedrängter Klumpen Mensch im ersten Zimmer des ersten Stocks, wo als Relikt aus großen Zeiten ein mannshoher Safe und sonst gar nichts mehr drin steht, schwenken weiße Papiere. Es sind die vom Senat der Stadt ausgeteilten Wohnberechtigungsscheine der Dringlichkeitsstufe, Wechsel auf eine ferne Zukunft und für türkische Frauen nichts wert.

„Wir waren überall“, schreit eine Mutter guttural, „sie hören uns nicht. Sie nehmen uns nicht als Menschen!“ „Und ich“, erwiderte darauf der Beamte vorwurfsvoll, „nehm‘ zu so was keine Kinder mit.“

Waffenstillstand, Pause. Die Lage erfordert eine Entscheidung von ganz S.54 oben. Freiwillig wollen die Frauen nicht gehen, Hausfrieden hin oder her. „Wir bleiben! Ulrich soll kommen“, der Senator für das Bau- und Wohnungswesen. „Wer denn noch?“ fragt der Polizist milde. „Vielleicht der Bundeskanzler?“ „Nein, nur Ulrich.“

Für die Handwerker jedenfalls ist Feierabend. Sie rücken ab. Dafür rollen verschiedene Fraktionen des öffentlichen Dienstes an, der in Berlin ohnehin viel mehr Köpfe zählt, als es Arbeiter gibt. Polizisten in grünen und in blauen Mannschaftswagen, Führungskräfte in VW-Bussen. Überall sind plötzlich Epauletten mit ein, zwei, drei Silbersternen.

Oben, zwischen Türkenfrauen und Schutzmann, wird schon fraternisiert. „Ich hab‘ auch nur ’ne kleine Wohnung“, klagt der Polizist. „Dann setz‘ dich zu uns“, wird ihm geraten.

Ein Herr im Pelz trifft ein. Er ist eine mittlere GSW-Charge, vor Wut ganz grau im Gesicht. Der Verlust so manchen Hauses in den letzten Wochen hat ihn aggressiv gemacht. Weil die Frauen trotzdem auf ihn nicht hören, weist er wenigstens mir die Tür.

Draußen steht eine gemischte Gesellschaft. Kreuzberger Arbeiter mit Fahne und verschiedene Individuen ohne, denen dafür die Mitgliedschaft im „Zentralrat umherschweifender Eierdiebe“ zuzutrauen wäre. Vom Balkon des ersten Stocks weht jetzt ein violettes Tuch, auf dem „Nur Mut“ steht. Es verdeckt das Versprechen der Sanierer: „Hier baut die GSW im Rahmen der Stadterneuerung.“ Wird daraus noch was werden?

„Dieses Haus geben wir auf gar keinen Fall her“, hat Architekt Dieter Kreuter, Geschäftsführer der GSW, zwei Tage vorher postuliert und acht männliche Erstbesetzer von der Polizei festnehmen lassen. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst“, so Kreuzbergs Baustadtrat Wolfgang Krüger (CDU) damals, „daß wir euch ein Haus geben, in dem der Konsul von Ecuador drin war!“ Außerdem liegt es in guter Laufgegend, wird schon modernisiert, steht also nicht richtig leer und darum eigentlich außerhalb der ungeschriebenen Zugriffspraxis.

Doch „Türkiyeli Kadinlar icin Danisma ve Bulusma yeri e. V.“ hat feste Pläne. In diesem „Treff- und Informationsort für türkische Frauen e.V.“, einem winzigen Ladenlokal nur wenige Steinwürfe entfernt, bündelt sich alles Elend der Stadt. Analphabetische Mütter aus Anatolien, vier kleine Kinder am Rockzipfel, die in feuchtkalten Rattenlöchern hausen, 22 Quadratmeter für alle zusammen; verprügelte Türkinnen, deren Ehemänner mit deutschen Arbeitskolleginnen fremdgehen; junge Mädchen ohne deutsche Zeugnisse und ohne Lehrstellen, zum Anschaffen verurteilt.

Diese Koalition der Verlassenen und Verlorenen, aus eigener Kraft fast chancenlos, wird verstärkt durch einige heile Familien. Die wollen nicht einsehen, daß ein Kreuzberger Türke nur ein Mensch zweiter Klasse ist, den Spekulanten und der Bürokratie hilflos ausgeliefert. Aber ohne Cornelia, 27, und ohne Deniz, 26, ginge wohl gar nichts.

Die beiden diplomierten Soziologinnen kommen von der Freien Universität aus dem schönen, grünen Dahlem. Sie „machen seit Jahren Ausländerarbeit“ und kennen sich mit der Bürokratie wunderbar aus. Wie sollten sie sich sonst den Haushaltstitel merken können, aus dem ihr Gehalt und die Ladenmiete fließen? Er lautet: „Förderungsprogramm von Forschungsvorhaben junger Wissenschaftler im Bereich berlindienlicher Forschung.“

Geforscht wird nach „Strategien für Kreuzberg“, und diese weisen aus dem kleinen Laden in das große Haus: „Wir brauchen die Kottbusser Str. 8 für ausländische und deutsche Familien und Wohngemeinschaften, die ein Beispiel für Integration in der Nachbarschaft leben wollen“ — deutsche und türkische Familien unter dem gleichen komfortablen Dach, Nachbar und gut Freund miteinander.

Was nun, Herr Direktor?

Er ist vorgefahren worden im Dienst-Daimler, hat im zugigen Flur mit den Silbersternen einen Stehkonvent gehalten, danach den Herrn Senator Ulrich telephonisch kontaktiert. Die Lage vor Ort ist Herrn Kreuter präsent. Hunderte von Häusern hat seine GSW in den letzten Jahren aufgekauft, „die miesesten Dinger, von drei Generationen ausgelutscht“. Er selber ist in solch einem Mietshaus geboren, in der Weddinger Ackerstraße, wo vier und fünf Hinterhöfe die Regel waren. Mit den meisten hat nicht die GSW, sondern, vor Jahrzehnten schon, die Royal Air Force aufgeräumt. Jetzt wohnt Herr Kreuter im Vorort Zehlendorf.

Seine erste Frage an die Besetzerinnen: „Wer ist hier der Chef?“ Antwort: „Wir alle.“ „Haben Sie ein Papier?“ Nein, nein, gemeint sind nicht die schon etwas ramponierten Wohnberechtigungsscheine, mit denen die Türkenmütter zustimmend wedeln. Herrn Kreuter, dem akademisch gebildeten Absolventen der Hochschule für Bildende Künste, schwebt ein konzeptionelles Arbeitspapier vor, etwas, worauf man die nun wohl neue Zukunft des umkämpften Hauses planerisch gründen könnte.

So was gibt es natürlich auch, Cornelia und ihrer türkischen Freundin Deniz sei Dank. Sie haben damit, in immer neuen Anläufen, die zuständigen Stellen informiert, animiert, traktiert; alles vergeblich.

Auch Herr Kreuter verspricht sich von den Bürokraten wenig: „Bei dieser Riesenverwaltung habe ich keine Hoffnung, daß Ihr Papier wieder auftaucht.“ Deshalb verlagert sich die Diskussion an allen Tatorten erneut aufs Handfeste.

Oben im ersten Stock verlangen die Frauen den Hausschlüssel („jetzt S.56 gleich!“). Unten macht die Polizei ein paar Ausfallschritte gegen die Sympathisanten. Zwei geraten in Haft, darunter ein Engländer. Er soll Sechskantschrauben in der Hosentasche haben. Für einen ideenreichen Staatsanwalt sind das Waffen.

Die kleine Straßenunruhe erlischt, Herr Kreuter geht, ihm folgen die Offiziere und bald auch der letzte gemeine Mann. Der Taxifahrer Armin, 39, klebt ein Pflaster auf die Platzwunde an seiner Stirn. Er ist in den Bereich polizeilicher Maßnahmen geraten und dabei mit dem staatlichen Monopol auf Gewalt kollidiert. Das Blut ist rasch geronnen. Jetzt wird Häuserrat gehalten. Es ist kalt in Kreuzberg und sehr dunkel.

Aus der Besetzer-Utensilien-Kiste, die Glühbirnen, Nescafe, den Kochtopf und eine Taschenlampe birgt, kommt die erste Flasche Rotwein zum Vorschein. Angst ist in Alkohol löslich. Ein Mohammedaner darf auf Reisen trinken. Wegen dieser beiden guten Gründe ist die Flasche gleich leer.

Aber der Nachschub rollt schon. Aus Enten, R 4 und VW-Bussen entfaltet sich die Logistik der „Szene“: Matratzen, Decken, Schlafsäcke, Brötchen und Bier, für die Kinder Spielzeug. Das Haus wird immer voller. Fachmännisch prüfen Instandbesetzer aus benachbarten Objekten die Bausubstanz und sind zufrieden. Große, gut geschnittene Räume, breite Fenster und hohe Türen, Stuck an den Decken, ziseliertes Mattglas aus Kaisers Zeiten.

Die Heizung funkioniert und sogar das Klo, in der Küche fließt warmes Wasser. Cornelia: „Haben wir nicht ein wunderbares Verhältnis von Theorie und Praxis?“ Nicht überall ist es damit weit her. Mindestens 600 Häuser stehen in West-Berlin leer, viele seit Jahren, und „kein Spekulant“, sagt Cornelia, „ist dafür jemals bestraft worden“.

Im ruhigsten Zimmer legen sich die jüngsten Besetzer schon aufs Ohr. Stefan, 14, Beruf „Streetfighter“, hat vorher noch an der violetten „Nur Mut“-Flagge rumgemotzt: „Ick hab‘ wat gegen Lila.“ Warum? Ist er vielleicht ein kleiner Chauvi, ein Sexist? Von dieser Sorte, sagt Cornelia ganz allgemein, kommt keiner mehr ins Haus, nicht mal als Maler oder Maurer. Aber Stefan darf bleiben. Er ist gegen Violett, „weil’s ’ne Mischfarbe ist“, nur deshalb.

Mit zwei dicken Balken wird die Wohnungstür von innen verrammelt. Die Fenster hat, um Hausbesetzern keine Chance zu geben, die GSW schon vor Wochen mit großen Stahlblechen gesichert. Wenn heute nacht die Bullen kommen, wird mittels einer „Telephonkette“ und auf Kanal 4 des Taxifunks Alarm gegeben werden. „Aber Kreuter hat versprochen, daß nichts passiert“, trösten sich die Frauen. Sie sind nun siebzehn an der Zahl, dazu acht Männer und ein Kind — Deutsche und Türken halbe-halbe. Ich bekomme eine Matratze aus dem Frauenhaus ab. Meine Nachbarin zieht ihren Bundeswehrschlafsack bis zur Kinnspitze zu. Verfluchter Sexismus.

Aufgeschreckt hat mich in dieser langen Kreuzberger Nacht nur der laute Alptraum einer Instandbesetzerin. Cornelia hat ihn mir am nächsten Morgen positiv ausgedeutet: „Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen.“

Doch darum geht es gar nicht mehr.

Fünf nach sechs, alle erwarten die rabiaten Bauarbeiter, rollt Herr Direktor Kreuter wieder vor. „Morj‘n“, ruft er leutselig zum Balkon herauf, „ich komme, damit es keinen Ärger mehr mit den Arbeitern gibt. Darf ich mal eintreten?“ Er darf. Nun ist von Partnerschaft die Rede, von Terminen für Verhandlungen und davon, daß die GSW erst mal alle Sanierungsarbeiten abbricht. In der Küche weint eine kleine Türkin. So einfach hat sie sich das nicht gedacht.

Die komplizierten Modalitäten der Übergabe erörtern Cornelia, Deniz und der Taxifahrer Armin mit Herrn Kreuter. „So cool wie Armin bringt das keiner“, urteilt hinter mir eine sympathisierende Studentin. Was Wunder: Bevor Armin Taxifahrer wurde, hat er zum Doktor der Philosophie promoviert und an der Freien Universität über Politik gelesen.

Aber Herr Kreuter ist auch ganz schön cool. Auf die Frage eines Poliers: „Wollen Sie wissen, wie alles passiert ist?“ sagt er nur: „Nein.“ Dann gibt er dem Proletariat die neue Linie kund: „Wir müssen jeden Ärger vermeiden. Was uns Spaß macht oder nicht, spielt jetzt keine Rolle. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre persönliche Meinung für den Feierabend aufsparen.“

Während die GSW das Handwerkszeug ihres Sanier-Trupps von dannen tragen läßt, rollen auf anderen Autos schon Farbeimer und Leitern heran. Instandbesetzer nehmen Maß. „Für die Fassade“, ein vergammeltes Stück edler Architektur der Jahrhundertwende, „werden wir uns mal den Herrn Landeskonservator kommen lassen.“

In den oberen Stockwerken führt Sunku die Besucher herum. Sie ist die älteste Besetzerin, fast schon eine Großmutter. Solange Sunku in Berlin lebt, hat sie nichts anderes als eine verrußte Brandmauer vor dem Fenster gehabt. Nun genießt sie den weiten Blick von hoch oben auf eine richtige große Straße.

Ihren deutschen Gästen kann sie damit aber nicht imponieren. Sunku hat deshalb schnell dazugelernt. Den jungen Damen und Herren aus den westlichen Vororten der Stadt, kenntlich an langen Gliedern, schmalen Gesichtern und der runden Brille für die kurzsichtigen Augen, zeigt sie als erstes die geretteten Kachelöfen vor, drei Meter hoch und tadellos erhalten.

Ein solcher Ofen heißt für Sunku jetzt nicht mehr einfach Ofen, sondern „wunderschöner Jugendstil“.

Der Focus schreibt in seiner Ausgabe 44 im Jahr 1993:

Autonomen-Gruppen stemmen sich militant gegen die Veränderungen in Kreuzberg

Die Warnung war deutlich: „Wir werden erst dann glücklich sein“, prophezeiten Kreuzberger Autonome auf einem Plakat, „wenn der letzte Kapitalist mit den Gedärmen seines letzten Handlangers aufgehangen wurde.“

Dieses „Glück“ wird der Berliner Kiez-Miliz wohl nicht zuteil werden. Im Gegenteil: Seit der Wende liegt der Bezirk nicht mehr beschützt im Schatten der Mauer, wo die Mieten auch für Sozialhilfeempfänger einigermaßen bezahlbar waren. Der „antifaschistische Schutzwall“ fehlt, Kreuzberg ist attraktive Citylage.

Folge: Die Mieten steigen, bei Gewerberaum bis zu 300 Prozent, und preiswerter Wohnraum wird zunehmend in Eigentumswohnungen umgewandelt. „Man fühlt, daß der Kreuzberg auf Dauer nicht mehr die Heimat ist“, beschreibt Bezirksbürgermeister Peter Strieder (SPD) die Stimmung.

In ihrer Abwehrschlacht gegen Außeneinflüsse kämpfen Autonomen-Gruppen gegen alles, was sie für nobel erachten: neue Restaurants, teure „Karrieristenautos“, ausgebaute Dachgeschosse.

Bevorzugtes Ziel der militanten Heimattümler sind sogenannte „Nobelkarossen“. „In einer Auswärtsbegegnung in Neukölln errangen wir einen flammenden Sieg über einen 600-S-Klasse-Mercedes“, heißt es in einer Erklärung des „Volxsport Club Dynamo Kreuzberg“.

Auch kleinere Autos sind nicht sicher – wenn sie Politikern gehören: Der Peugeot205 des ehemaligen AL-Abgeordneten Volker Härtig wurde angezündet. Auf ähnliche Weise verlor der Kreuzberger SPD-Bezirksverordnete Michael Rädler bislang vier Autos.

Die Methoden werden immer brutaler: Eine der autonomen Gruppen bedroht jetzt auch Menschen.

Vor zwei Wochen verwüstete eine russische Handgranate das „Auerbach“ in der Köpenicker Straße, die Stammkneipe von Harald Juhnke. Nur weil das Restaurant schon geschlossen war, blieb es bei einem Sachschaden (100 000 Mark).

Zu diesem Attentat hat sich die linksautonome Gruppe „Klasse gegen Klasse“ bekannt, die schon mehrfach Anschläge auf das angebliche „Nobellokal“ (das teuerste Essen kostet gerade 30 Mark) verübt hat: Vor zwei Jahren speisten 15 Autonome in ihrer Sonntagstracht für 948 Mark und prellten die Zeche. Lapidarer Tip an den Wirt: „Schickt die Rechnung an Herrn Diepgen.“

Wenige Monate später wurde im gleichen Lokal ein Eimer mit Fäkalien ausgelehrt, 1992 explodierte eine Rauchbombe. Ziel der „Klasse gegen Klasse“ ist es, Gäste und Betreiber des Nobellokals – ein ehemaliges Offizierskasino – aus dem Kiez zu ekeln.

Werner Többen, der das Restaurant „Maxwell“ betreibt, hat schon seit ein paar Jahren „die Segel gestrichen“ und das Lokal im ruhigeren Bezirk Wilmersdorf neu eröffnet. „Es ist nicht jedermanns Sache, als Gast jederzeit mit einem Handgranatenangriff rechnen zu müssen.“

Letzte Woche explodierte ein Sprengkörper vor dem italienischen Spezialitätenladen „Alimentari&Vini“ – Personen wurden nicht verletzt. In einem Bekennerbrief fordert man die Betreiber des Lebensmittelladens unzweideutig auf: „Verschwindet!“ Der „leichte Sprengsatz“ sei eine letzte Warnung.

Außer den gleichen Zielen hat „Klasse gegen Klasse“ mit „normalen Autonomen“ nichts zu tun. Um den Ausbau von Dachgeschossen, die Durchfahrt von teuren Autos und die Ansiedlung von besseren Restaurants in Kreuzberg zu verhindern, sind der militanten Gruppe mittlerweile alle Mittel recht.

Mehr als 20 Mieter von Dachgeschoßwohnungen – darunter die Berliner Frauen-Staatssekretärin Helga Korthaase – erhielten anonyme Briefe, selbst die Besitzer kleiner Läden. Ihnen wurde angedroht, die Geschäfte „platt zu machen“ und ihre Besitzer zu er-morden.

Drohbriefe flattern auch Gerd Nowakowski, Berliner Lokalchef der „tageszeitung“, ins Büro. Dem letzten Schreiben lag, drastischer geht´s nimmer, eine Neun-Millimeter-Patrone (Parabellum) bei. Die Kugel stammt aus einer gestohlenen Polizeipistole. Der Journalist wird für die autonomen-kritische Berichterstattung seines Blatts verantwortlich gemacht.

„Klasse gegen Klasse“ ärgert sich über „korrupte Krämerseelen“ und „Mittelklasse-Schmeißfliegen“, die sich im Kiez „wie die Schweinepest“ ausbreiten würden.

„ihr bereitet den weiteren boden für schmierige karrieristen, yuppies, spekulanten und ähnlichem pack, das für die vertreibung angestammter kiez-bevölkerung sorgt“, heißt es in einem Drohbrief, der acht Kreuzberger Ladenbesitzern zuging.

Die anonymen Autoren basteln an einem Mythos, meint Rainer Sauter vom Kreuzberger Bürgerverein SO 36. Da gebärden sich die selbsternannten Klassenkämpfer, „als gäbe es in Kreuzberg eine proletarische Klasse, die es nicht nur jetzt nicht mehr gibt, sondern so noch nie gab“. Sein Urteil über die Kiez-Desperados: „Sie tun so, als gäb´s hier in Kreuzberg andere Gesetze.“

Attentäter im Abseits: „Feige und konspirativ“, sagt Sauter, „machen sie ihre absurden Aktionen und kicken sich aus jeder Diskussion raus.“

Auch die Mietenpropaganda der Autonomen, wissen Fachleute, hat mit den Realitäten nichts gemein. Erich Jesse, persönlicher Referent von SPD-Bausenator Wolfgang Nagel: „Die befürchtete Umstrukturierung durch massenhafte Kündigungen ist nicht eingetreten.“ Und: „Gewaltige Miet-erhöhungen sind nicht zu befürchten.“

Jesse kennt den Kiez. Der Mann hat seine Kreuzberg-Erfahrungen als Berater im alternativen Mieterladen in der Dresdener Straße gemacht. Wenn die Autonomen mit ihm reden würden, könnte er ihnen die Rahmenbedingungen erklären.

Derzeit kann die Miete in drei Jahren um 15 Prozent erhöht werden, nach 1995 um 20 Prozent. „Da lachen doch die Hühner“, meint Jesse zu den autonomen Horror-Szenarien, „von Mieten um teilweise 5,50 Mark kann man anderswo nur träumen.“

Die unbekannten Täter üben sich derweil weiter in Maulheldentum. „Der einzige Platz für Mittelklasse-Schmarotzer liegt zwischen Mündungsfeuer und Einschuß.“ Ermordet wurde noch niemand, einige Läden wurden aber schon verwüstet.

„Klasse gegen Klasse“ hat neben dem „Abfackeln“ teurer Limousinen noch ungewöhnlichere Dinge im Programm: Mehrfach schon rissen sie die Türen von Fahrzeugen auf, die an einer Ampel warteten. „Geschäftsmann in seinem Auto mit Scheiße überschüttet“, heißt sowas dann im Erfolgsprotokoll der Gruppe.

„Es ist unerträglich für die demokratische Gesellschaftsordnung, wenn einige Chaoten versuchen, ihre Auffassung von der Wohnstruktur eines Bezirks durchzusetzen“, schimpft denn auch Berlins Innensenator Dieter Hekkelmann.

Bislang ermittelt der Staatsschutz erfolglos. „Der Kreis der aktiven Täter“, vermutet Peter Haeberer, stellvertretender Staatsschutz-Chef, „dürfte kaum größer als eine Handvoll sein.“

„Etliche Mieter und Gewerbetreibende haben Angst, sich zu wehren“, weiß Kreuzberg-Kenner Rainer Sauter. Einige Geschäftsleute reagieren jetzt öffentlich. Mutig hängen sie Plakate in ihre Ladenfenster: „Nicht genug, daß wir durch die Mieterhöhungen bedroht sind, jetzt terrorisieren uns auch noch diese Verrückten.“

Artikel von Indymedia

Am 08.06.2012 veranstaltete das Aktionsbündnis „Hände weg vom Wedding“ auf dem Sparrplatz ein Kiezkino gegen Mietsteigerungen im Kiez und soziale Ausgrenzung. 100 Teilnehmer_innen, vornehmlich aus den angrenzenden Quartieren wie dem Sprengelkiez, protestierten damit gegen die zunehmenden Verdrängungseffekte im Bezirk. (Nord-)Neukölln, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain stellen im kollektiven Stadtgedächtnis Bezirke dar, die mit breiten Protesten gegen umgreifende Gentrifizierungswellen Schlagzeilen machen. Dort, wo linke, unkommerzielle Kultur wie Infoläden und Hausprojekte von Räumungen bedroht sind, können sie darauf hoffen, von linkspolitischen Kampagnen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen unterstützt zu werden. Ende März 2012 konnte dadurch das alternative Kulturprojekt „Schokoladen“ in Berlin-Mitte in quasi letzter Minute vor dem Ausverkauf gerettet und dem Immobilienmarkt entzogen werden. Der Berliner Bezirk Wedding fällt dabei trotz des vermehrten Zuzugs linkspolitischer Aktivist_innen in der Regel noch immer von der politischen Landkarte. Zwangsumzüge, Verdrängungen durch massive Mietsteigerungen gepaart mit institutionellem und mehrheitsgesellschaftlichem Rassismus durch Behörden gehören hier zum Alltag und beflügeln die Phantasien- nicht nur Berliner Rechtspopulist_innen von „Pro Deutschland“ und „Die Freiheit“.

Und es ist kein Ende in Sicht…

In Bezug auf den Weddinger Wohnungsmarkt lassen sich die Folgen der unsozialen Berliner Stadtentwicklungspolitik nachvollziehen. Zusammen mit dem Stadtteil Mitte gehören beide Gebiete seit Jahren zu den Bezirken mit den höchsten prozentualen Mietsteigerungen bei Neuvermietungen. Die Quartiere um die Brüsseler- bzw. Sprengelstraße sowie um den Leopoldplatz kommen schon auf Mietsteigerungen von zwischen 19 und 20 Prozent bei Neuvermietungen.

Diese Entwicklung ist dabei nicht isoliert zu betrachten, sondern hat schon seit geraumer Zeit effektive Auswirkungen auf angrenzende Stadtteile: so verzeichnet das Stadtgebiet Moabit eine vergleichbare Mietentwicklung, besonders im Kiez um die Stephanstraße und im Hansaviertel. Der Quadratmeterpreis liegt nun bei ca. 7,91 Euro, was eine Mietsteigerung von fast 21 Prozent bei Neuvermietungen bedeutet.

Gentrifizierung bedeutet in diesem Zuge auch immer die Verdrängung sozial schwächerer Schichten und den Verlust kommunaler Freiräume durch den Ausbau von Kontroll- und Sicherheitsinstrumente. Unlängst wurde mithilfe von Stadt- und Bundesmitteln der genannte Leopoldplatz im sogenannten Sanierungsgebiet Müllerstraße „aufgewertet“. Der implizierte Sozialchauvinismus zeigt sich in der Verbannung der sogenannten „Trinker_innen“ aus der öffentlichen Wahrnehmung an einen eigens eingerichteten „Trinkerplatz“. Die soziale Stigmatisierung dieser Menschen scheint somit politisch gewollt. Diese Entwicklung wird durch die zunehmende Vertreibung obdachloser Personen aus Bahnhöfen und Plätzen durch private Sicherheitsdienste flankiert, welche soziale Ungerechtigkeit als „Selbstverschulden“ und „individuelles Versagen“ suggerieren soll.

Je tiefgreifender die Umverteilungsprozesse „nach oben“ sind, desto umfassender scheint die soziale Disziplinierung durch eine Überwachung des öffentlichen Raumes. Nicht zuletzt spiegeln die Neugestaltungen von Parks und Plätzen durch Ausleuchtung und architektonische Kniffe genau jene subtile Kontrollregime wieder. Dazu kommt der Berlinweit zunehmende Ausschluss der Widersprüche, repräsentiert von Gated Communities, einer verstärkten Videoüberwachung von Hausfluren und dem Verschließen von Innenhöfen. Soziale Stigmatisierung schränkt vor diesem Hintergrund die Mobilität weiter ein.
Imagekampagnen und die durch „Subventionen“ forcierte Ansiedlung einer Kreativindustrie im Müller- und Brunnenviertel sollen den Stadtteil als attraktiver Stand- und Wohnort erscheinen lassen. Die soziale Realität seiner Bewohner_innen treffen diese Maßnahmen freilich nicht. Zusammen mit den privatisierten Wohnungsbaugesellschaften GSW und DEGEWO versucht der Berliner Senat politisches und ökonomisches Kapital mittels einer langfristigen Umgestaltung der Wohnquartiere in sogenannten „Problembezirken“ wie Neukölln und Wedding zu schlagen. Eine Aufwertung durch Gewerbestrukturen und der Neugestaltung öffentlicher Räume kaschiert existente soziale Widersprüche und leistet einen aktiven Beitrag zur Verdrängung ökonomisch ärmerer Schichten. An Stadtteilen wie Prenzlauer Berg und Friedrichshain, welche mehr als ein Jahrzehnt als „Europas größtes Sanierungsgebiet“ firmierten, lässt sich aufzeigen, welch katastrophale Auswirkungen dies auf die Mieter_innenschaft haben kann. Soziologischen Schätzungen zufolge sind bereits bis zu 80 Prozent der Bevölkerung in diesen Bezirken ausgetauscht worden.

Alternativkultur als Gentrifizierungsmotor?

Im Zuge der totalen Kommerzialisierungs- und Verwertungstendenzen der neoliberalen Gesellschaft wird deutlich, dass selbst Widerstandskulturen im Sinne des Kapitalismus aufgenommen und instrumentalisiert werden können. Der Zuzug von Künstler_innen und sogenannten „Kreativen“, auch wenn sie kapitalismuskritisch bzw. antikapitalistisch agieren, wird im Sinne des neoliberalen Wohnungsmarktes genutzt, um sozial stigmatisierte Wohnquartiere für wohlhabendere Mieter_innen attraktiv zu machen. Anhand der Entwicklungen vom Prenzlauer Berg lässt sich nachvollziehen, wie gerade linke Kulturangebote für kapitalistische Interessen nutzbar gemacht werden können, bevor sie selbst verdrängt werden. Als Lehre aus der Vergangenheit heißt das: Der alleinige Bestand von alternativen Kulturräumen reicht nicht aus- die Intervention in soziale Kämpfe muss erfolgen. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, Alternativkultur nicht zu dämonisieren, sondern zu stärken- als Antipode zur kapitalistischen Inwertsetzung!

Kein Angst, es ist nur Gentrifizierung!

Den dargestellten Entwicklungen muss der Riegel vorgeschoben werden. An den Mieter_innenkämpfen in Kreuzberg (bspw. am Kottbusser Tor) und in Neukölln (bspw. in der Oker- und Weisestraße), lassen sich Widerstandsoptionen ableiten. Die Ausweitung der Gentrifizierungsprozesse auf weitere Stadtgebiete zeigt, dass das Schlagwort nun endgültig zum „städtischen Mainstream“ geworden ist. Im Gegensatz zu bereits „verlorenen“ Quartieren, wie sie bereits in Teilen Prenzlauer Bergs (bspw. Kollwitzplatz) und Friedrichshains (Bänschstraße) existieren, bieten die umgreifenden Prozesse Handlungsanleitungen und Vernetzungsmöglichkeiten. Nur eine Mieter_innenorganisierung von unten kann Alternativen zur Verwertungslogik des Immobilienmarktes aufzeigen. Einen Dikussionsführung „von oben“ wie durch das BMW Guggenheim Lab in Prenzlauer Berg lehnen wir ab- die Häuser denen, die darin wohnen!

Weitere Aktionen hierzu sind mit Anwohner_innen geplant.
Weitere Informationen findet ihr zukünftig hier: walpurgisnacht.blogsport.eu
Keine Rendite mit der Miete! Weder im Wedding noch woanders in Berlin! Für eine solidarische Gesellschaft! Mietenstopp sofort!

Mit den aktuellen Protestformen setzt sich ein Text von „leerstand belegen“ auseinander:

leerstand belegen- momente gemeinsamer aneignung

2012- die erste hälfte ist erst der anfang…
betrachtet mensch die erste hälfte dieses jahres, so fällt ein
breites spektrum an widerständigkeit im kiez auf, das sich nicht mehr
allein gegen steigende mieten und verdrängung richtet. andererseits
sind menschen vermehrt bereit, über bisherige protestformen wie
kundgebungen oder infostände hinauszugehen. beispielsweise ist ende
juni eine stille besetzung aufgeflogen, die einige der besetzer_innen
versucht hatten gegen die polizei zu verteidigen (1) . bereits bei der
ersten besetzung der bevernstraße 2 im märz, die mit ihrem hoffest,
in das sie eingebettet war, sehr viele menschen im kiez angesprochen
hatte, war dies als breite zustimmung für solcherlei aktionen bei den
anwohner_innen zu spüren gewesen (2) . ähnliches lässt sich auch von
der besetzung der weisestraße 47 im april sagen, nach deren räumung
eine lautstarke demo durch den kiez zog, der sich anwohner_innen
angeschlossen hatten und andere aus den häusern dem demonstrationszug
begeistert applaudierten (3) . waren diese beiden besetzungen gegen
leerstand und drohende zwangsräumungen wegen umwandlung in
eigentumswohnungen und luxusmodernisierung gerichtet, thematisierte
die symbolische besetzung der kurt-held-grundschule in der görlitzer
straße 51 den zusammenhang von rassismus und gentrifizierung im kiez
(4) . dreisterweise war die schule wegen ihres „zu hohen
migrant_innenanteils“ an schüler_innen geschlossen worden. danach
wurde der gebäudekomplex vom lifo an die modedesigner_innenschule
„esmod“ verkauft, die hier wohnraum, die ehemaligen
lehrer_innenwohnungen nämlich, praktisch zerstört. das einzige, was
in diesen wunderschönen wohnungen passiert sind photoshootings,
während, wie in der bevern die menschen aus ihrem kiez verschwinden
müssen, weil sie keine bezahlbare wohnung mehr finden.

schließlich wurde die bevern im mai zum zweiten mal besetzt, nachdem
die hausbesitzer_innen auch weiterhin die entmietung des hauses
inklusive zwangsräumung vorantrieben (5) . um die entschlossenheit zu
demonstrieren dies zu verhindern, wurde die besetzung mit einer aktion
verbunden, bei der den hausbesitzer_innen das büro zertrümmert
wurde, das sie bis dahin in dem haus unterhalten hatten. letztlich
ging es dabei natürlich auch darum, mafiösem spekulantenpack
klarzumachen, dass ihre machenschaften sehr teuer für sie werden
könnten.

neben den eigentlichen aktionen erscheint uns das entscheidende
moment von all diesen aktivitäten, zum austausch mit den
anwohner_innen beizutragen. eine ganz neue qualität in dieser
hinsicht erreichen die errichtung des kotticamp-gecekondu (6) und die
besetzung der stille straße 10 in pankow (7) . beide aktionen stellen
die kommunikation unter anwohner_innen und mit ihnen auf eine ganz
neue ebene, was vorallem von ihrer kontinuität herrührt, die ganz
andere möglichkeiten des austausches und dessen intensität
ermöglicht.

ohne hier nochmals darüber diskutieren zu wollen, welchen sinn es
macht, solche aktionen hauptsächlich mit forderungen an die politik
zu verknüpfen, und inwiefern eine angemeldete aktion überhaupt als
„besetzung“ zu bezeichnen sei (8) , mutet es aber nichtsdestotrotz mehr
als fragwürdig an, wenn vorab allein auf parlamentarismus schielende
forderungen von politaktivist_innen mit der begründung aufgestellt
werden, mensch bekäme die anwohner_innen sonst nicht auf die straße.
wir hatten da bei begegnungen mit beteiligten anwohner_innen,
beispielsweise bei der zweiten lärmdemo, bei der einige menschen
festgenommen wurden, doch ganz andere erfahrungen gemacht: tatkräftig
stellten sich auch anwohner_innen vor die wanne um zu verhindern, dass
die menschen abgekarrt würden. unserem eindruck nach soll hier
vorallem eine potentielle radikalisierung verhindert werden, die den
politischen interessen einiger organisatoren des kotticamp
widerspräche.

aus all dem wollen wir lernen. lernen auch aus fehlern, die wir zur
genüge gemacht haben. lernen aber vorallem aus den aktionen, die doch
zu einer erheblichen verbreiterung der kämpfe in der stadt beitragen
könnten und das heißt überlegen, wie wir eine kontinuität
hinbekommen, die sich nicht von militanz distanziert, die vielmehr
militanz zu einem ganz normalen bestandteil unserer kämpfe im
stadtteil macht.

leerstand belegen ist keine kiezinitiative. leerstand belegen will
nicht aufklären, will nicht einmal agitieren. leerstand belegen will
widerständigkeit im kiez verstehen um daran anknüpfen zu können.
leerstand belegen will nicht belehren, will nicht in bestimmte
richtungen hinmobilisieren. leerstand belegen vertraut darauf, dass
die wut im kiez wesentlich größer ist, als den anhängern hiesiger
parlamentarisch-demokratischer strukturen lieb ist. leerstand belegen
will zuhören, will aufgreifen, was kein praktisches echo in der
praxis von initiativen findet.

leerstand belegen geht mit bertolt brecht davon aus, dass es nur
fensterscheiben sind, die uns von dem trennen, was wir zum leben
brauchen oder wollen. leerstand belegen geht von der aneignung aus,
die weit über hausbesetzungen hinaus gehen soll. aneignung ist für
uns eine praxis, an der vielerlei widerstand zusammenkommt,
voneinander lernt und sich gemeinsam entwickelt oder genauer sich
entwickeln kann. aneignung übergeht den zwang zum kauf, holt sich
das, was gebraucht wird ohne sich auf das zentrale moment des
kapitalistischen system einzulassen: das geld. das jobcenter hat zu
zahlen, die unternehmer_innen haben für die minijobs zu zahlen, das
bafögamt hat zu zahlen: leerstand belegen will ein vorschlag sein,
der auch hier kollektiven widerstand organisiert: niemand geht nicht
mehr nur allein zum amt, niemand geht auch nicht mehr allein zum chef
oder zur hausverwaltung. aber darüber hinaus fangen wir an, uns
kollektiv das zu nehmen, was wir brauchen und wir wollen alles!

nicht aber geht es allein darum, dass jede_r für sich das bekommt
was mensch jeweils zu seinem_ihrem glück zu brauchen glaubt.
leerstand belegen will ein kollektives projekt sein. leerstand belegen
will gemeinsam aneignen, will gemeinsam das angeeignete verbrauchen
und da heraus überlegen, wie aus der aneignung, aus der kollektiven
aneignung, aus der subversiven art des lebens ein ganz anderes
organisieren des alltags entstehen könnte, das alle menschen
miteinbezieht, die sich dem diktat unseres lebens durch das geld und
vorallem durch die arbeit widersetzen wollen, auch wenn sie klauen,
aneignen oder wie wir das auch immer nennen wollen, individuell nicht
organisiert bekommen: dann erst recht und dann eben erst recht
gemeinsam. eine gemeinsame kultur der aneignung entwickeln! ein
gemeinsames, ein politisches, kollektives leben aus der aneignung
entwickeln!